Vorwort:  Das untreue Kind, oder?

Diese Niederschrift schreibe ich auf Grund eines Artikels in der  Neuen Berliner Illustrierte, in der über Vormundschaft die Rede war.Ein Ehemaliger Pädagoge  von mir ergriff in dem Artikel das Wort. Er bat um Hilfe für elternlose  Kinder und Kindern deren Eltern das Erziehungsrecht aberkannt wurde.Eine Vormundschaft sowie eine Adoption, ist eine große Aufgabe.Ich bin der Meinung, dass nicht jeder Bürger, auch wenn er ein aktives materiell abgesichertes Leben hat, in der Lage ist, eine Adoption bzw. Vormundschaft  zu übernehmen. Nur der Wille allein genügt nun mal nicht, auch wenn die Materiellen Voraussetzung gegeben sind.Gerade wir, die ohne Eltern aufgewachsen sind, können ein Lied davon singen was und warum in diesem Bereich so viel daneben gehen kann.Ein Beispiel soll diese Niederschrift sein, auch wenn viele Schicksale ungeschrieben, im Stillen verborgen bleiben.Wenn der Allgemeinheit nach Außen hin eine Adoption in Ordnung scheint, so gibt es doch im Innern des Kindes wahre Gefühlsstürme.Mit dieser Schrift spreche ich auch alle Erzieher und zuständigen staatlichen Organen an. Vergebt nicht ein Kind wie ein Stück Holz, sondern prüft lieber einmal mehr, als zu wenig, die Voraussetzungen der Bewerber. Prüft ob zwischen dem Kind und den Antragstellern die“ Chemie“ genauso stimmt, wie die Materiellen Gegebenheiten. Ein Fehlschlag kann das ganze weitere Leben des Kindes  sehr negativ beeinflussen.Ein herzensguter Mensch kann trotzdem ein Kind, das nicht Seines Blutes ist erziehen, wenn er  die Fähigkeit hat, bis in dessen „Seele“ vorzudringen.Ohne diese Fähigkeit kann es, wenn auch erst nach Jahren zu eine Bittere Enttäuschung auf beiden Seiten kommen.Im Hinterkopf sollte deshalb immer der Gedanke eine Rolle spielen, wie wird das Kind reagieren wenn es in der Lage ist sich zu fragen. Wer sind meine Erzeuger, sprich Eltern? Am schwierigsten wird es wenn das Kind diese Frage stellt nach dem es von Fremden erfahren hat„Dass sind nicht deine leiblichen Eltern.“Dann spielt  auch die Frage: Wie ist das Kind elternlos geworden und inwieweit hat es schon Kenntnisse oder Ahnungen von den Geschehnissen um ihn gehabt?Erkennt das Kind die  bereits bekannten Fakten an, oder hofft es noch auf etwas „Besseres“.Weis man um diese Gefühlswelt des Kindes Bescheid, dann kann man eine Adoption vorbereiten. Schwieriger ist das jedoch bei Kleinkindern welche noch nicht ihre Lebensumwelt geistig wahrnehmen können. Da müssten die Elternanwärter selbst für das Kind diese Erkenntnisse erfahren, um vorbereitet zu sein wenn die Frage kommt. Wer sind meine Eltern?Kinder welche schon über mehre Jahre in Kinderheime untergebracht waren, sollte man nicht mehr adoptieren, sondern einen ihm genehmen lebens- erfahrenen Menschen zur Seite geben, besonders wenn es aus dem Heim entlassen wird.Gerade die Jahre nach der Entlassung sind sehr schwer, auch wenn der Jugendliche erwachsene Reife ausstrahlt.Eine Vormundschaft sollte da in Form einer Gruppenzugehörigkeit erreicht werden, denn da fühlt der Jugendliche nicht zu sehr die Bevormundung.Gerade in diesem Alter wollen sie „frei“ sein.Liebe Leser, das soll genug der Einleitenden Worte sein. Die weiteren Ausführungen schreibe ich aus dem Gedächtnis und von mir seinerzeit geschriebenen Briefe nieder. Ich würde mich freuen wenn Sie zu dieser Problematik ihre Meinungen und Ansichten in meinem Forum kundtun.

                                                                      Der Verfasser 2010

 

 

 

Als alles Begann.

 Es war  im Februar anno1948. In einem kleinen Ort westlich von Berlin lebte ein Flüchtlingsfamilie der es gelungen war sich wieder zu finden nach der großen Flüchtlings Wanderung aus den ehemaligen Ostgebieten.

Deutschland war immer noch damit beschäftigt, die Schäden des 2. Weltkrieges zu beseitige und in mehreren Besatzungszonen unter den Siegermächten aufgeteilt. Dabei hatte Berlin einen besonderen Status, denn  Berlin als ehemalige Reichshauptstadt, teilten sich Amerikaner, Engländer, Franzonen und Russen .Eine Stadt umgeben von der Sowjetischen Besatzungsmacht.

Trotz der Wirrungen im Leben der Menschen hatte die Liebe und Zuneigung zwischen Frau und Mann platz im täglichen Leben. So blühte auch in einem kleinen Ort  die Zuneigung oder Begierde,  deren Resultat erlebte im Oktober 1949 in der Sowjetischen Zone von Berlin  das Licht der Welt.

 Wilhelm 1 Jahr

Fragebogen Auszug: 11.10.1949

- In welcher Anstalt oder Wohnung ist das Kind geboren?     Charite

- Religionszugehörigkeit? evangelisch

- Wann und wo getauft?    keine Angabe

- Wo befindet sich das Kind zurzeit?     Charite, Kinderklinik

- Soll das Kind dort längere Zeit verbleiben?    vorläufig

- wo soll das Kind nach der Entlassung aus der Anstalt untergebracht werden?   Heim

- Stillt die Mutter das Kind selbst?    Ja

- Sind bei dem Kind Körperfehler oder sonstige

  Auffälligkeiten ersichtlich oder bekannt?      Nein

-         Die Mutter, seit wann in Berlin wohnhaft? Nur zur Entbindung

-         Wer bezahlt die Anstaltskosten? Krankenkasse

Rechnungsauszug: vom 15.11.49

Rechnung für den Säugling  geb. Oktober 1949, entlassen ins Hauptkinderheim

                                     Kur und Verpflegungskosten

31 Tage je 4,60 DM 142,60 DM.  Diagnose: Knickhackenfüße, beiderseits Leistenbruchs

Hauptkinderheim von Groß-Berlin Krankenabteilung 14.11.1949

Das Kind ist am 14.11.49 in die Krankenabteilung des Hauptkinderheimes verlegt worden.

Es besteht Krankheit im Sinne der R.V.G.

Stationäre Behandlung ist unbedingt erforderlich

An die Amtsvormundschaft im Hause. Berlin, den 11.11.1949

Betr.: Übernahme der Kosten im Hauptkinderheim für das Mündel .geb. Oktober 1949

Die Kindsmutter stellt das Kind zur Adoption zur Verfügung. Beim Hauptjugendamt

Ist es zwecks Unterbringung gemeldet. Es kann aber zurzeit vorläufig in eine geeignete Familie nicht gegeben werden, da es Klumpfüße hat und im Gipsverband liegt. Es muss wöchentlich in die orthopädische Klinik der Charite vorgestellt werden, wozu sich das Hauptkinderheim bereit erklärte.

Die Kindsmutter, ist ohne unser Wissen nach Hause zurückgekehrt und hat sich um das Kind nicht weiter gekümmert. Da es in der Charite nicht länger verbleiben kann, bitten wir, die Kosten im Hauptkinderheim vorläufig zu übernehmen.


  Die Charite 1949
im Hintergrund

Leider nicht Gesund jedoch Lebensfähig erschrie sich der Kleine die Nahrung der Mutter.

Zwei Tage waren vergangen da vollzog sich im Lande ein Gesellschaftlicher Umbruch.

Die Deutsch Demokratische Republik war als Antwort auf der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Ausgerufen worden. Dadurch wurde der Kleine, nenne wir ihn Wilhelm Staatsbürger des neuen Staates, der DDR. Ob Wilhelm auch als ein solcher aufwächst? Nach 11 Tagen verließ also die Mutter das Krankenhaus, ohne den Kleinen mitzunehmen

8.Jahre später 

Wilhelm lebte als eines von rund 600 Kindern  in dem größten Kinderheim der DDR, ja ganz Deutschland und dem zweitgrößten in Europa. Im Gruppenraum im Haus III sitz Wilhelm in einer Ecke und vor sich eine Postkarte .Immer wieder liest er die Zeilen:

Lieber Wilhelm, leider muss ich dir als Antwort auf deinem Brief schreiben dass ich nicht deine Mutter bin. Ich habe und hatte auch nie ein Kind. Zufällig haben wir den gleichen Familiennamen

Wilhelm bedauert dass seine Anstrengung mit Hilfe eines Telefonbuches seine Mutter zu finden, fehlgeschlagen ist. Besonders zu Ferienbeginn und zu den Feiertagen sah er nicht ohne Neid zu, wie die meisten seiner Gruppenmitglieder von Elternteilen oder Pflegeeltern abgeholt wurden. Wo sind meine Eltern? wo ist meine Mutter? Besonders in diesen Momenten stellte er sich diese Fragen immer und immer wieder. Aber das Leben im Heim, die vielen Angebote zur Freizeitgestaltung, die Mitarbeit als Junger Pionier und letzt endlich die  Mitinsassen welche auch keine Eltern mehr hatten, brachten ihn auf andere Gedanken.

Sein  neuntes Lebensjahr hatte gerade begonnen als in Vorbereitung des Weihnachtsfestes seiner Gruppe die Aufgabe gestellt wurde für die Weihnachtsfeier ein Programm einzuüben. Frau Kottusch nutzte die Kenntnis, dass Wilhelm gut auswendig lernte und dieses auch wieder geben konnte, gewissermaßen zur Förderung dieser Fähigkeit. Sie gab Wilhelm eine Rolle in diesem Weihnachtsstück. .Immer wieder wurde geprobt und verbessert. Dann kam die Zeit der ersten Aufführung vor den anderen Kindern und es wurde ein Erfolg. Durch diese Begeisterung kam Jemand auf die Idee, dieses Stück bei Betriebsweihnachtsfeiern in den Patenbetrieben aufzuführen. So geschah es auch bei einer Kinderweihnachtsfeier des VEB Diaglas Keramik. Unter den Zuschauern, auch der Werksleiter. Nach der Aufführung gab er bekannt dass wir alle zu den nächsten Sommerferien eingeladen sind, im Betriebsferienlager an der Ostsee in Bansin, ein paar schöne Ferientage zu verbringen. Vor Freude Beifall klatschend waren wir von dieser Einladung überwältigt und wussten, zum ersten Mal würden wir das Meer kennen lernen.

 

Das Ferienlager 

Endlich war es soweit, die großen Ferien waren da. Die Erwartungen waren groß, denn diesmal ging es an die Ostsee in ein Betriebsferienlager. Die Heimkinder folgten der Einladung welche sie als Dankeschön bekommen hat. Mit dem Zug fuhren sie nach Bansin, Wilhelms erste lange Bahnfahrt. War das eine lange Tour aber spielend und singend verging die Zeit wie im Fluge. Als sie endlich dort ankamen, erfolgte die Begrüßung durch den Lagerleiter. Und die Gruppen erhielten ihre Zelte zugewiesen. Wilhelm, Klaus, rief ihre Erzieherin, ihr müsst leider in eine andere Gruppe. Kein Problem dachten sie, doch dann erhielten sie  einen kleinen Schock. Auf Grund ihres Alters – sie waren ein Jahr älter als die anderen Kameraden, kamen  sie in eine Gruppe von Kindern von Betriebsangehörigen und dies löste erst einmal Berührungsängste bei Wilhelm aus. Es dauerte aber nicht lange, so hatte sie sich damit abgefunden und nahm an dem Ferienprogramm teil. Neben dem Baden in der Ostsee, Wanderungen durch die neue Umgebung brachte viel Neues. Besonders die Sternwanderung und das Neptunfest waren herausragende Erlebnisse. Wilhelm nutzte aber auch die Gelegenheit, auf eigene Erkundungstour zu gehen. Besonders hatte es ihm der Küchentrakt angetan. Sonntags gab es ein Stück leckeren Kuchen zum Frühstück und das mochte er besonders gerne. Als es eines Tages wieder auf Abenteuertour Richtung Küche ging, saßen dort die Küchenfrauen beim Kartoffelschälen. Natürlich hatten die Frauen seine Neugierde bemerkt und ihn in ein Gespräch verwickelt. Wo kommst du denn her? Wie gefällt es dir bei uns? fragte eine der Frauen. Da sie Wilhelm gleich sympathisch war, erzählte er ihr vom Heim. Es blieb nicht bei diesem Gespräch. Er nutzte immer wieder jede Gelegenheit, der Küchenfrau einen Besuch abzustatten. Beide wurden immer vertrauter, was sich auch darin bemerkbar machte, dass er von der “Tante“ Naschereien zugesteckt bekam und seine Kuchenstückchen waren immer etwas größer als die seiner Kameraden. Mit strahlenden Augen bei der Essenausgabe und einem dankbaren Kopfnicken brachte er seine Freude zum Ausdruck. Die Tante und er hatten sich gegenseitig ins Herz geschlossen. Aber auch die schönsten Ferien hatten mal ein Ende. Es kam der Abreisetag und schnell besuchte Wilhelm noch mal die Küche, um sich zu verabschieden. Die Tante steckte ihm einen Zettel mit den Worten zu: Schreibe mir mal, wenn du wieder zu Hause bist, hier hast du meine Adresse. Das versprach er hoch erfreut. Später erfuhr er davon, dass die Tante mit seiner Heimerzieherin gesprochen hatte und so hofften beide auf ein Wiedersehen. Während der Heimfahrt merkte Wilhelm, dass er den Zettel verloren hatte und ihm war zum Heulen zumute. Um die Adresse war ihm nicht bange, doch wie hieß die Tante mit Nachnamen? Im Heim angekommen, besorgte Wilhelm sich eine Postkarte und schrieb in jämmerlichem Deutsch: „An die Kuchenfrau Tante Emma schicke mir doch bitte deine Adresse, ich habe den Zettel verloren“. Diese Karte schickte er an das Ferienlager. Dank der Post kam die Karte mit der kaum zu entziffernden Anschrift an die richtige Adresse. Bald darauf erhielt er seine erste Post in meinem Leben! Es war eine Ansichtskarte mit der Adresse ihres Wohnortes Lutherstadt Wittenberg und der Ankündigung, dass sie versuchen werde, ihn an seinem Geburtstag zu besuchen. Der Geburtstag stand in wenigen Wochen bevor. So freute Wilhelm sich riesig und seine Fantasie schlug Purzelbäume. Unter anderem stellte er sich auch vor, was sie ihm alles mitbringen würde. Da würden die Anderen aber staunen.

 

Das erste Wiedersehen

 Bei Tante Emma der erste Besuch von Wilhelm

Es war “Sonntag“ für Wilhelm, denn er hatte Geburtstag. Die Mittagszeit war schon vorbei und niemand war gekommen. Ob Tante Emma noch kommt? Als Gruppenführer, der Wilhelm gerade war, führte er seine Gruppe im Gänsemarsch zu Wohngebäude. Nachdem alle die Haustür passiert hatten, war seine Aufgabe als Gruppenführer erledigt. Sie wohnten im oberen Stockwerk und stürmten die Treppe hinauf, als er flüchtig  zwei Erwachsene wahrnahm, die in der Ecke saßen. Er war schon im Begriff weiterzugehen, doch  traf es ihn  wie ein Blitz – das war doch, ja das war doch..... die Tante aus dem Ferienlager! Doch wer war der Mann an ihrer Seite? Im Nu war seine Wiedersehensfreude gebremst und langsam ging er die schon erklommenen Stufen zurück. Sein Herz schlug immer schneller. Dass sie doch gekommen ist Er hatte sie doch gar nicht mehr erwartet! Was aber wollte der Mann? Glaubte er doch, dass Tante Emma nicht verheiratet, also allein war. Von einem Mann an ihrer Seite hatte sie ihm gar nichts erzählt. Unten angekommen reichte er Tante Emma mit einem höflichen „Guten Tag“ die Hand. Als sie seinen prüfenden Blick bemerkte, mit dem Wilhelm den Mann beobachtete, reagierte sie lachend und klärte ihn auf. Na, mein Kleiner, das ist „Onkel“ Josef, er wohnt bei mir und wollte dich unbedingt kennen lernen. Onkel Josef ist Jugoslawe und ist im Verlauf des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland gekommen und blieb dann nach dem Krieg bei mir. Das klang interessant und machte Wilhelm neugierig und so gab er auch ihm zur Begrüßung seine Hand. Er führte seine Gäste durch die Gruppenräume und zeigte ihnen sein Bett und Schrank. Aber viel war da nicht zu sehen. Gemeinsam gingen sie zu seiner Erzieherin, welche Tante Emma sogleich wieder erkannte und sie bedankte sich bei ihnen für ihren Besuch. Nach einem kurzen Gespräch wurde Wilhelm von „seinen neuen Pateneltern“ eingeladen gemeinsam spazieren zu gehen. So machten sie sich auf den Weg. Stolz  führte Wilhelm sie durch das weitläufige Heimobjekt. Im Anschluss ging es zum Sterndamm und dort nahmen sie in einem Restaurant Platz. Bei einem Kakao und einem großen Stück leckerer Torte unterhielten sie sich über sein Leben im Heim und Tante Emma erzählte ihm, wo und wie sie wohnten. Der Nachmittag verging wie im Fluge. Der Abschied nahte und damit der Höhepunkt ihres Besuches. Er erhielt herzliche Glückwünsche zum Geburtstag und eine Reihe kleinerer Geschenke. Das war was! Endlich hatte auch er etwas, was die anderen nicht hatten! Nach unserer Rückkehr ins Heim besuchten seine Gäste noch die Hausleiterin Frau Zimmermann, während Wilhelm mit stolzer Brust seinen Zimmerkameraden die Geschenke zeigte. Dann kamen der Abschied und das Versprechen, ihn bald wieder zu besuchen.“ Wenn du schön artig bist, kannst du uns auch mal besuchen kommen. Vielleicht schon zu Weihnachten“. Das schlug ein wie eine Bombe. Endlich sollte es wahr werden, das auch er zu den Feiertagen und in den Ferien zu „Eltern“ fahren durfte. Vorbei die Traurigkeit sehen zu müssen wie viele seiner Kameraden einer nach den anderen von ihren Eltern, Pflege- oder Pateneltern  nach Hause geholt wurden. Bei einem späteren Besuch bei Tante Emma erfuhr Wilhelm von ihr, dass im Gespräch mit der Hausleiterin die notwendigen Voraussetzungen besprochen wurden, damit sie ihn in den Ferien zu sich holen konnten.

 Es folgten noch weitere Besuche der Beiden und es wurde zur Tradition, im Restaurant zu speisen. Wilhelms damaliges Lieblingsessen, Eisbein mit Sauerkraut und Kartoffelklößen, trug auch mit dazu bei, seine Zuneigung zu den Wittenbergern aufzubauen.

Wie heißt es doch „ Liebe geht durch den Magen“ oder?

 

Mama und Papa

Wieder sind große Ferien angesagt. Wilhelm hat die 4 Klasse beendet und darf zu seinen neuen Pflegeeltern nach

Lutherstadt Wittenberg fahren. Genau genommen wartet er auf Onkel

Josef. Dieser kam wie mit der Hausleiterin abgesprochen pünktlich im Heim an.

Dann ging die Reise los. Mit der Bahn fuhren sie in Richtung „des neuen Zuhause“.

Unterwegs gab es vieles zu erzählen. Das vergangene Schuljahr wurde ausgewertet und Onkel Josef erklärte

vorbeigefahrene Sehenswürdigkeiten. Die Zeit der Bahnfahrt war im nu rum und Wittenberg war erreicht. Nun mussten

sie in einen Bus einsteigen, denn  ihre Wohnung war in Klein Wittenberg. Dort angekommen war noch ein kleiner

Spaziergang notwendig.

Dann war es soweit, sie standen vor einem fünfstöckigen Gebäude aus Rostbraunen Ziegelsteinen. Treffe auf Treppe

wurde überwunden und sie standen vor einer rustikalen Tür.

Josef  klingelte und trat beiseite so dass er nicht zu sehen war. Die Tür ging auf und Tante Emma stand lachend an

der Tür. Wilhelm viel ihr um den Hals und sie drückte ihn fest an sich. So werden Kinder von ihrer Mutter begrüßt ging es

Wilhelm durch den Kopf. Na kommt rein. Nun Wilhelm schau dich erst mal um, dass du dich nicht verläufst. Sein Blick

streifte durch die Küche vier mal zwei Meter. Am Fenster angekommen schaute er auf einen Hof mit einem

Nebengebäude. Onkel Josef stand hinter ihm und erklärte.

Wilhelm das da sind die Toiletten und das da ist meine Werkstatt. In der Ecke des Hofes stand eine Hundehütte mit

einem Schäferhund an einer Kette. Das ist Wolf, der tut niemanden etwas, sei aber trotzdem vorsichtig, denn er kennt

dich noch nicht.

Oh, muss ich da jedes Mal die ganzen Treppen runter wenn ich mal muss? Am Tage ja, aber nachts

geht es auf einen Eimer. Wilhelm viel ein Stein vom Herzen. Die Küche hatte einen Küchenschrank ein Tisch mit drei

Stühlen und einen eigenartigen Schrank. Was ist denn das? Das ist unser Eisschrank. Morgen holst du mit Onkel Josef 

neue Eisblöcke. Die kommen dann dort rein und so können wir unsere Lebensmittel frisch halten. Da staunte Wilhelm

nicht schlecht. Komm Junge, wir trinken erst mal Kaffee und er folgte Tante Emma in die Wohnstube. Ein Sofa, davor

ein Tisch ebenfalls mit drei Stühlen und eine Schrank mit zwei Glastüren, dahinter waren Bücher zu erkennen, sowie

ein Blumenständer füllte den Raum. Und wo schlafen wir? Dass zeigen wir dir nach dem Kaffee. Wilhelm erzählte erst

mal seine Reiseerlebnisse und ließ sich den Kakao und Kuchen schmecken. Nun, dann komm mal mit. Gemeinsam

verließen sie die Wohnung und gingen über den Treppenflur in ein anderes Zimmer. Es war das Schlafzimmer.

Ausgestattet mit einem Ehebett, Nachtschränke und einen  großen Schrank. Daneben eine Liege. So Wilhelm! das ist

unsere Wohnung und für die nächsten vierzehn Tage dein Zuhause. Bist du Müde? Ne Tante Emma das bin ich nicht.

Gut dann macht ihr beide noch einen Spaziergang. Wohin wirst du schon sehen. Nach fünfzehn Minuten wusste er was

gemeint ist. Sie standen am Ufer der Elbe. Wilhelm war begeistert. In den folgenden Tagen streiften sie durch

Wittenberg und dem angrenzenden Piesteritz ein ehemals eigenständiger Ort, welcher durch die Bebauung Anschluss

erhielt an Lutherstadt Wittenberg. Nicht lange

und der Urlaub war zu Ende. Wilhelm und Onkel Josef waren ein Herz und eine Seele geworden. Bei der

Verabschiedung fragte Er: Darf ich Mama und Papa zu Euch sagen?

Aber ja Wilhelm und freudig umarmten sich alle Drei bei der Verabschiedung.

Lerne fleißig und sei Artig, dann kannst du zu Weihnachten liebend gerne Wiederkommen.

 

Während der Heimfahrt ließ Wilhelm den Besuch bei Mama und Papa Revue passieren.

Papa hatte ihm an der Elbe das Radfahren gelernt. Mit einer Großen Abschlussfahrt zum Wörlitzer Volkspark. Der

Hofhund Wolf und er wurden Freunde und oft tobten sie gemeinsam an der Elbe. Papa Josef pflegte neben seiner

Arbeit in Stickstoffwerk Piesteritz eine Herde Jungrinder an der Elbe in einem so genannten Rinder Offenstall. Mit einer

Art Koppelweidewirtschaft. Lachen musste er als die Erinnerung kam, wie ein Tier Mamas Kittelschütze fast aufgefressen hatte, welche

über den Koppelzaun hing.

Im Heim wieder angekommen erzählte Wilhelm Stolls über die Erlebnisse mit seinen neuen Eltern.

 

Zwei Jahre später oder ein Traum geht in Erfüllung.

Wilhelm fühlte eine Innere Unruhe und seine Gedanken streiften immer öfters die Frage

Ob seine richtige Mutter auch so wäre wie die Mama aus Wittenberg? Eines Nachts,

unruhig wälzte er sich wie schon so oft in den Nächten hin und her. Sein Kopf nahm die Bewegungen  eines Uhrenpendels an. Wilhelm aufhören rief einer der Zimmerkameraden. Wilhelm wachte kurz auf, schlief aber gleich wieder ein. Letztlich wachte er am Morgen auf mit einem Traum.

Im Traum ging er den Weg zu seinen „ Eltern“ von denen er aus in das jetzige  Heim kam. Da war die Warschauer Straße und von dort aus ging eine Kreuzung ab mit zwei Straßen. In einer war ein Tante Emmaladen, gleich neben der Hauseingangstür. Brückner hießen die Leute. Er hatte doch von den aufgestellten Obststiegen vor dem Laden oft einen Apfel gemopst und ihn beim hochgehen hastig gegessen. Aus Angst erwischt zu werden wachte Wilhelm auf. Von da an stand sein Entschluss fest.

Vielleicht leben Brückners da noch, bei bester Gelegenheit werde ich versuchen sie zu finden. Vielleicht wissen sie wo Mutter ist.  Geburtstagfreier bei Brückners

Es verging eine Zeit und dann war der Tag gekommen. Wilhelm hatte zwei S Bahnfahrkarten und ging ohne sich abzumelden auf die Suche.

S Bahnhof Warschauer Straße ! erklang es aus dem Bahnhofslautsprecher. Na dann los.

Die Treppen rauf. Oben angekommen, links oder rechts lang? Rechts erinnerte er sich plötzlich. Links ging es zur Grenze nach Westberlin. Da waren sie doch damals rüber gegangen und auf dem Rückweg musste er unter seine Pudelmütze eine Tüte Schoko Plätzchen verstecken, an den Grenzposten vorbei. War das nicht schmuggeln?

Also, rechts lang und richtig die Kreuzung mit den zwei abgehenden Straßenzügen.

Geh ich erst mal diese entlang. Wieder ein Treffer, da ist der Laden. Am Klingelbrett stand tatsächlich Brückner. Sein Herz fing spürbar stärker an zu klopfen.

Dann stand er vor der Wohnungstür und betätigte den Klingelknopf. Wenn sie nun nicht da sind? Aber er hörte klappern und eine Frau öffnete die Tür.

Verdutzt schaute sie ihn an. Wilhelm ? Guten Tag, ja ich bin es - Wilhelm. Na so was.

Komm rein. Hans, schau mal wer da ist. Da bitte ins Wohnzimmer. Hans glaubte seinen Augen nicht. Auch er hatte Wilhelm gleich erkannt, ob wohl es sieben Jahre her ist als sie sich zum letzten male sahen. Am Eisernen Tor zum Kinderheim in der Königsheide.

Schnell wurde der Tisch gedeckt und ein sachliches freundliches Gespräch begann über

die Zeit im Heim. Frau Brückner holte ihre Fotokiste raus und kramte Fotos mit mir raus. Wilhelm die schenken wir dir. Kurz vor dem verabschieden erzählte sie Wilhelm eine Episode aus ihrem Leben.

Es ist schon ein paar Jahre her ich glaube vor drei Jahren. Ich wartete im Wartezimmer beim Arzt als ich mit der Frau neben mir ins Gespräch kam. Unter anderem erzählte sie von ihrem Jungen den sie Adoptieren wollten, was aber nicht klappte da er schwer Krank geworden ist. Auch ich erzählte von dem Versuch dich zu adoptieren, aber wir kamen mit dir nicht so recht klar. Nach einer Zeit bemerkten wir dass wir von ein und demselben Kind sprachen, von dir Wilhelm. 

Frau Brückner stand auf mit den Worten: Warte mal sie hat mir damals ihre Adresse gegeben, vielleicht finde ich sie. Nach einiger Suche kam sie mit einem Zettel. Hier Wilhelm, eine Familie Kauz wohnt vielleicht noch dort. In der nähe vom Tierpark.

Bei der  Verabschiedung bedankte sich Wilhelm für Speise und Trank sowie den Fotos und der Adresse. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.

Es kam zu keiner weiteren Begegnung.

Wilhelm fuhr mit den Gedanken zurück ins Heim der Familie Kauz bald möglichst einen Besuch abzustatten.

Bald ergab sich auch dafür die Gelegenheit. Wilhelm machte sich auf den Weg zur Familie Kauz.                                 Frau Kauz                                                                                                                      Herr Kauz

Hoffentlich wohnen sie auch noch da. Auch dieses Mal war ihm das Schicksal hold. Die Adresse stimmte noch und Herr und Frau Kauz waren zu Hause.

Auch hier wurde Wilhelm gebeten rein zu kommen und Frau Kauz erzählte die Geschichte ihres „ Sohnes“ Wilhelm du warst ein liebes Kind. Hattest du ein Böckschen

machten wir den Plattenspieler an. Wir legten Opernmusik auf und unser Foxterrier musste am Fußende des Bettchens platz machen. Im nu warst du ruhig und wir konnten unserem Tagwerk nachgehen. Bis du eines Tages sehr krank wurdest und ins Krankenhaus gekommen bist. Der Arzt sprach von einer Gehirnhautentzündung. Dann erzählte Frau Kauz noch einmal die Geschichte mit dem Krankenhaus. Auch sie holte Fotos hervor und schenkte sie ihm. Nun erzählte Wilhelm seine Geschichte von Kinderheim

Kinderheim Königsheide

 

Abschied von“ Zuhause“,

die Heimaufnahme 

September 1956 Pflegemutter Brückner packte seine paar Habseligkeiten und teilte ihm mit das er heute in ein Kinderheim gebracht werde. Gegen Mittag klingelte es und eine Frau stand vor der Wohnungstür. „Na ist der Kleine fertig?“ Ja Wilhelm war fertig.  Es gab kein großes Auf Widersehen. Die Dame nahm Wilhelm an die Hand und ab ging es in einen neuen Lebensabschnitt.

Nach einer kurzen S Bahn Fahrt und einem nicht enden wollenden Spaziergang standen sie vor einem großen Gusseisernen Tor in welchen  zwei Eichhörnchen eingearbeitet waren.

Ein kurzes Gespräch mit dem Pförtner und es öffnete sich ein kleines Türchen, welches sich nun 9 Jahre lang zwischen Wilhelm und der großen weiten Welt befinden sollte.

Es war der offizielle Eingang zum Kinderheim Königsheide später A.S. Makarenko in Berlin Schöneweide in der Südostallee. Seit 1953 bekamen dort elternlose Kinder und solche mit gestörten Familienverhältnissen  ein zeitweiliges manchmal über Jahre andauerndes Zuhause. Nun wurde auch er, für viele Jahre ein „Königsheider“

Das Größte Kinderheim in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik, ja ganz Deutschlands. Es war mit durchschnittlich 600 Kindern belegt. Rund 300 Pädagogen, Wirtschafts- und Pflegepersonal sorgten für den Tagesablauf.

Vom Säugling, bis zur Aufnahme in eine höheren Schule oder Berufsschule, waren dort Kinder jeder Altersgruppe vertreten, also von grade geborenen bis zum 14. später 16 Lebensjahr.

Es gab 1956 eine 8 Klassen Schule im Heim, bis dann die Erweiterte Oberschule, mit 10 Klassen, Republik weit auch eingeführt wurde, so auch in der Königsheide.                        

Eine Krankenabteilung, der auch eine Säuglingsstation angeschlossen war befand sich nahe des Haupteinganges .Der „Heimarzt“ Dr. Merker und Krankenschwestern betreuten dort die Kranken und die Säuglinge.

Ein Wirtschaftsgebäude, in dem sich die Heimleitung, die Führsorge, die Verwaltung, die Wäscherei, die Tischlerei, Schlosserei, der Schuster und das wichtigste für Wilhelm, die Küche mit einem großen Speisesaal befanden.

Zu den Einrichtungen gehörten auch ein Heimeigenes Heizhaus und ein Streichelzoo sowie der Fuhrpark.

Für die Kinder, standen vier zweistöckige in L -Winkelform gebaute Wohnhäuser zur Verfügung. In deren innen Winkel kleine Spielplätze mit Buddelkasten, Wippe und Klettergerüst angelegt waren. In jedem Wohnhaus lebten vier Gruppen mit rund 20 Kindern je Gruppe. Jedes Haus hatte einen Hausleiter oder Leiterin und jeder Gruppe waren zwei Erzieher  zugeteilt. Haus V  beherbergte ein Hausflügel die Krankenstation und der Andere war die Säuglingsstation.

Einen „Bewährten älteren Pädagogen“ der die Hauptverantwortung für die Gruppe trug und eine recht junge  Person (Erzieherinnen) welche meistens für  nur ein Jahr, im Rahmen ihrer Ausbildung zum Erzieher ihr Praktikum machten. Jede Gruppe hatte einen Tagesraum, in welchem sich nach dem Schulunterricht der weitere Tagesablauf abspielte, was insbesondere bei schlechtem Wetter der Fall war, wenn  nicht draußen gespielt und getobt werden konnte.

Auf dem Weg zu seiner neuen Unterkunft betrachtete eWilhelm neugierig die Kinder welche die Heimstraße belebten. Rechts und Lings der Straße waren Grünflächen mit Gruppen von Sträuchern und majestätisch ragten Kieferbäume in den Himmel.

Sie gingen in eines der Häuser. 

Nach dem sie durch die Haustür gegangen waren, führte ihr Gang an einem Zimmer vorbei hinter dessen Tür sich zwei Frauen beschäftigten. Das ist die Nähstube, dort bekommst du auch deine Wäsche,  war die Erklärung. An einer Treppe vorbei durch eine weitere Tür, hinter der sich ein langer Flur befand. In diesem zweigten sich die Zimmer ab. Eine Art Vorflur führte zu einem Schlafraum mit 5 Betten und drei zweiflüglige Schränke und einen Waschraum mit drei Duschen, mehrer Waschbecken sowie einer abgeteilten Toilette. Hinter einer weiteren Tür des langen Flures, befand sich der so genannte Gruppen- bzw. Tagesraum mit vielen Stühlen und Tischen. In einer Art Anbauwand verbargen sich  Spiele und sonstige Gerätschaften. Es war der größte Raum jeder Gruppe. Neben dem Tagesraum wieder ein Vorflur und wieder ein Wasch- und ein Schlafraum. Auf der gegenüber liegenden Seite, waren 3 kleinere (mit zwei oder 3 Betten) Schlafräume und das Erzieherzimmer

An den Enden des Flures war auf einer Seite ein Fenster und auf der anderen Seite eine große zweiflüglige Tür, welche nur zu besonderen Anlässen geöffnet wurde. Die gleiche Zimmeranordnung befand sich auch im zweiten Stockwerk und wenn man sich das Ganze im  Winkel vorstellt, in der anderen Haushälfte noch einmal. So  befanden sich 4 Gruppen in seinem neuen Haus, dem Haus 3. Haus 1 und 4 waren ähnlich Strukturiert. Dann gab es noch Haus 2 welches aber nur den Kleinen das heist den Vorschulkindern vorbehalten war.

Auszug aus der Festzeitschrift zum 10 jährigen Bestehens des Kinderheimes.

Wusstet Ihr schon:

dass wir zum Beheizen unserer Räume bei -15°C einen Gesamtwärmebedarf von 1 440 800 Kcal / h benötigten! Die Kesselleistung liegt aber nur bei 1 380 000 Kcal/h. wenn Rohbraunkohle verfeuert wird. Braunkohle Briketts haben einen höheren Heizwert. Hier würde unsere Kesselkapazität 2 208 000 Kcal/h betragen. Darum werden wir auch die Kessel besonders an kalten Tagen mit Brennstoffen mit höherem Heizwert beschicken. Im Jahre 1962 verbrauchten wir:

1 447,50 t Briketts

1123,75 t Rohbraunkohle

238,03 t Anthrazit

104,61 t Förderkohle

1 kg Briketts liefert etwa 4600 Kcal.

Wir haben außer dem Heizkessel noch 3 Niederdruckdampfkessel mit je 55,5 Kubikmeter

Heizfläche. Diesen Dampf benötigen wir für:

1. die Extrabeheizung des Säuglingshauses

2. die Warmwasseraufbereitung

3. Dampfversorgung für die Waschmaschinen

4. Saalbeheizung.

Allein an „Warmwasser“ verbrauchten wir monatlich im Durchschnitt 3000 m³ dass auf +80 °C erhitzt werden musste. Das Wasser kommt bei uns vorm Wasserwerk mit +10 ‘ an.

Um 1 Liter Wasser auf +1 °C Temperatur zu erhöhen, braucht man 1 Kcal =   Kilogrammkalorie.

Nun könnt Ihr Euch mal selbst ausrechnen, wie viel Kcal, wurden für das verbraucht Wasser benötigt, wie viel Braunkohlebriketts sind das und wie viel mussten wir bezahlen, wenn die Tonne Briketts 38,— DM kostet.

Über das Leben im Kinderheim wird gesondert berichtet.

 

Der entscheidende Tipp

Es kamen die Winterferien und Wilhelm fuhr mit seiner Gruppe, zum Skilaufen nach Friedrichsroda.

Auf einer Tour auf dem kleinen Inselsberg machte er einen Salto und lag mit beiden Beinen nach oben im Schnee.

Mit starken Schmerzen im Knie lief er den weiten Weg zurück in die Jugendherberge. Die Ski vor sich herschiebend,

sofern sie in der Spur blieben denn immer wieder kletterte er trotz Schmerzen Hänge herunter um einen Ski wieder

herauf zu holen. Schließlich waren die Skier ja nur ausgeliehen. So vergingen Stunden ehe er die Unterkunft erreichte.

Dort angekommen, hatte er solche Schmerzen im angeschwollenem Knie, dass ihm ein  Erzieher

ins Krankenhaus einliefern ließ.

Die Kinderabteilung, war aber voll beleg.So verfrachtete man Wilhelm zu zwei Herren in ein Zimmer in der Erwachsenen

Station. Nach der OP am Meniskus erholte er sich schnell und kam auch alsbald mit seinen Zimmergenossen

ins Plaudern. Sein Bettnachbar war von Beruf Lehrer. Als Kommentar zu seiner Geschichte um die Suche nach

seiner  Mutter gab er Wilhelm einen entscheidenden Hinweis. „Junge, wenn dein Vormund ein  Rat des Kreises ist,

dann befindet sich deine Mutter in diesem Landkreis - vorausgesetzt, sie lebt noch“.

Ausgerüstet mit dieser für ihn so wichtigen Information ging Wilhelm nach den Ferien zu der Heimfürsorge und

bat um eine Vermittlung mit seiner Mutter.

Leider wurde sein Anliegen mit allen möglichen Ausreden abgelehnt.

Gut, sagte er, wenn Sie dies ablehnen, suche ich meine Mutter selbst, denn  ich weis ja jetzt, wo sie wohnt.

Dass er nur einen vagen Hinweis hatte, konnte die Mitarbeiterin nicht wissen und so bat sie ihn,

doch in ein paar Tage später noch mal vorbeizukommen.

Tatsächlich sagte die Heimfürsorgerin, dass sein Vormund ihn besuchen will, was dann auch geschah.

Auszug aus einem Aktenvermerk  des Vormundes.

Wie ich mit Wilhelm allein war, sagte er mir dann, dass ihm niemand von seiner Mutter etwas gesagt hat. Er weiß genau, dass wir alle wissen  wo seine Mutter lebt. Er steht auf dem Standpunkt, er  sei  doch alt genug  die Wahrheit zu erfahren und. es wäre nicht in Ordnung, dass diese Angelegenheit von allen umgangen wird. Auch Frau  S. wird unsicher, wenn er in dieser Beziehung Fragen stellt und weicht aus. Er hat  eine seiner früheren Pf1egestellen in Erfahrung gebracht und hat dort erfahren, dass seine Mutter lebt und wieder verheiratet ist. Er wisse, dass seine Mutter XXXXX  heißt, dass sie in Polen geboren ist. Er muss bloß noch wissen, wo seine Mutter jetzt 1ebt, das bekäme er aber auch noch heraus und er wird dann eines Tages vor. ihrer Tür stehen. Er beschäftigt sich seit Monaten mit den Gedanken an seine Mutter. Er halte es für möglich, dass der jetzige Ehemann seiner Mutter von seiner Existenz nichts weiß. Er würde seiner Mutter auch keine Schwierigkeiten machen und will nicht, dass durch ihn etwa ihre Ehe in die Brüche geht. Er möchte seine Mutter sprechen und von ihr etwas über seinen Vater wissen. Kolln.. X hatte dem Jugendlichen gesagt, der Aufenthalt seiner Mutter sei nicht bekannt. Ich. habe es nicht fertig gebracht, ihn zu. belügen. Ich musste ihm Recht geben, dass man ein Recht auf die Wahrheit hat. Habe ihm das aber nicht gesagt. Meiner Meinung verliert der Junge das Vertrauen in seine Umgebung, eventuell sogar zu unserem Staat, wenn er spürt, dass er  belogen wird. Ihm die Wohnanschrift der Mutter zu geben, ist allerdings nicht das Richtige. Ich sagte ihm, dass es für seine Mutter damals sehr schwer war, ihn ohne Unterhalt durchzubringen. Soweit ich mich entsinnen kann, war die Mutter Umsiedler. Sie glaubte daher, ihr Sohn würde es leichter haben, wenn. er gute Adoptiveltern findet. Eine Adoption zerschlug sich, weil er im Säuglings- Kleinkind- und Vorschulalter oft krank war. Die Mutter lebt wahrscheinlich in der Überzeugung, dass er bei Adoptionseltern lebt, und dass es ihm gut geht. Ich sagte ihm dann, dass ich seiner Mutter von seinem Wunsch sie kennen zu lernen, berichten werde und ihm in ein bis zwei Monaten eine Antwort gebe. Der jetzige Ehemann weiß nichts von der Existenz von Wilhelm. Frau XXX wird nicht bereit sein, sich um ihren Jungen künftig zu kümmern. Ich hoffe aber, ich kann sie zu einem Besuch und einer gleichzeitigen Aussprache im Kinderheim Königsheide veranlassen, damit der Junge Gewissheit hat und zur Ruhe kommt. Ich bin davon überzeugt, dass sich Frau XXX überzeugen lässt. Wenn Wilhelm plötzlich einmal im Haushalt seiner Mutter aufkreuzt, ist es bedeutend schlechter. Wenn Wilhelm in unserem Kreis eine Lehre aufnimmt in der Landwirtschaft, kann es auch einmal zu einem unverhofften Zusammentreffen kommen, da seine Mutter auch in der Landwirtschaft tätig ist.

Die Fürsorgerin (des Heimes) war überrascht, Was für Informationen sich Wilhelm über seine Mutter verschafft hat. Sie ahnte nicht, wie sehr sich der Junge mit diesem Problem beschäftigt.

Ww. 3o.4.1965

Mutter

 

Noch wenige Tage und die Entlassung von Wilhelm aus dem Kinderheim steht bevor. Es musste schnell gehandelt werden. Wilhelm hatte einen Lehrvertrag in der Tasche und sein Ausbildungsbetrieb befand sich in der nähe des Wohnortes seiner Mutter. Wilhelm wurde zur Führsorge bestellt und man teilte ihm mit.

Am Sonntag kommt dein Vormund mit deiner Mutter.

Nun sollte endlich der Tag kommen den Wilhelm sosehr herbeigesehnt hatte. Viele Fragen schwirrten durch seinen Kopf. Wie wird sie aussehen? Was wird sie sagen wenn sie mich sieht? Ob sie allein kommt? Und? Und? Und?

Der Sonntagmorgen ließ Wilhelm zeitig erwachen und er zog sich Heute besonders gründlich an, schließlich wollte auch er einen guten Eindruck machen. Sein Gruppeerzieher teilte ihm mit das er zum Eingangstor gehen soll dort wartet seine Mutter. Wilhelm machte sich mit Herzklopfen auf den rund 300 Meter langen Weg vom Haus bis zu jenem Guseisernen Tor mit den zwei Eichhörnchen in den Torflügeln. Bald darauf nahm er die zwei Frauen war welche sich mit dem Pförtner unterhielten. Seine Füße wurden auf einmal so schwer und ein ängstliches Gefühl brachte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend hervor. Die eine Dame hatte er ja dann doch schnell erkannt, es war sein Vormund und so wich der Angst etwas der Neugier. Die beiden Damen gingen ihn nun ein paar Schritte entgegen. Eine stattliche Frau dachte Wilhelm. Mutter und Sohn begegneten sich nach 14 und ein dreiviertel Jahr zum Zweiten mal im Leben. Guten Tag Wilhelm!  Ihr Blick fest auf ihn gerichtet. Der erste Satz:“ Nanu du hast ja kein schwarzes Haar“. Wilhelm der tatsächlich sehr blondes Haar hatte schaute sie Fragend an und bekam dann auch gleich Aufklärung. Als du geboren bist hattest du schwarze Haare. Wilhelm wurde misstrauisch .Ist das wirklich meine Mutter? Liegt hier eine Verwechslung vor? Schließlich hatte er ja auch 8 Jahre ein Tag früher Geburtstag gehabt, bis sich bei der Anforderung der Geburtsurkunde herausstellte das er einen Tag später Geburtstag hatte. Sein Vormund bemerkte die Reaktion und griff aufklären in das Gespräch ein.Ja Wilhelm es ist in der Tat so, das die Haarfarbe sich im laufe der Zeit verändern kann, du wirst auch nicht dein Leben lang so helles Haar behalten.

Wilhelm ich bin die Waltraut, ich bin verheiratet und habe noch zwei Kinder und du somit noch zwei Geschwister, ein Mädchen die Annemarie und den Klaus. Da sie sich mit einem anderen Familiennamen vorgestellt hatte, war für ihn klar dass es seine Halbgeschwister waren. Ja ich habe nach einigen Jahren nach deiner Geburt meinen jetzigen Mann geheiratet und Klaus später dann Annemarie bekommen.   Waltraut machte dann den Vorschlag mit Wilhelm in eine Gaststätte zu gehen um gemeinsam etwas zu essen und zu trinken und sich dabei etwas näher kennen zu lernen. Wilhelm war einverstanden und schlug die Gasstätte vor in der er immer mit seinem Pflegevater Eisbein gegessen hatte. Sein Vormund war einverstanden und verabschiedete sich nachdem sie bemerkt hat dass Wilhelm seine anfängliche Scheu überwunden hatte. Beim Essen erzählte Wilhelm vom Heimleben und seine Pläne eine Lehre in ihrer Nähe zu beginnen. Als das Essen zu ende war stellte Wilhelm die entscheidende Frage:

Warum hast du mich nicht nach meiner Geburt behalten und wer ist mein Vater?

Waltraut war auf diese Frage vorbereitet und gab prompt und schnell die Antwort. Ich wurde beim Nachhauseweg vom einkaufen an einem Wäldchen von einem Russen vergewaltigt. Deine Großmutter bei der ich ja lebte wollte absolut nichts von dir wissen. Entweder du gibst den „ Russenbalg“ zur Adoption frei oder du machst dass du fort kommst, stellte sie mir als Alternative. Doch wo sollte ich hin? So habe ich mich entschlossen dich frei zu geben, in der Hoffnung dass du gute Adoptiveltern bekommst. Ich war ja damals voll abhängig von deinen Großeltern und wie du ja weist, waren damals keine guten Zeiten. Wilhelm nickte nur und mit seinem noch Kindlichen Gemüht empfand er Bedauern für diese Frau. Auf dem Weg zurück zum Heim erzählte Waltraut von ihrem Zuhause, ihrer Arbeit als Geflügelzüchterin und sie berichtete ihm über ihren Mann der eine Führungsposition in einer Genossenschaft hatte. Beim Abschied fragte Waltraut ihren Sohn ob er sie besuchen kommt wenn er seien Lehre angetreten hatte. Wenn dein Mann nichts dagegen hat. Nein bestimmt nicht und deine Geschwister würden dich auch gerne kennen lernen. Sie trennten sich und Wilhelm ging nachdenklich ins Heim zurück, irgendwie war er enttäuscht wusste jedoch nicht so recht warum.

 

Interview mit Wilhelm

Ich: Wilhelm deine „ Mutter Emma und dein Vater Josef , wie reagierten sie als sie erfuhren das die Bemühung deine leibliche Mutter zu finden Erfolg hatte?

Wilhelm: Beider waren in ihren Gefühlen zweispaltig. Auf der einen Seite haben sie sich gefreut dass ich meine Mutter gefunden habe. Auf der anderen Seite waren sie traurig das ich sie gefunden hatte.

Ich : wieso traurig?

Wilhelm: Das sie befürchteten mich als ihr Kind zu verlieren.

Ich: War diese Befürchtung zu Recht?

Wilhelm: Eigentlich nicht aber in der Endkosequents doch,  das hatte aber  eine andere Ursache.

Ich: Haben sich deine „Eltern“ mal mit deiner Mutter getroffen?

Wilhelm: Ja, einmal auf einer Geburtstagsfeier meines Sohnes.

Ich: Was hast du da empfunden?

Wilhelm: Beide haben sich auf die absolute Notwendigkeit  bei der Unterhaltung beschränkt, also ein reines höflichkeits-  Gespräch. Vater Josef hatte so und so nur ein Auge für meinen Sohn. Was auch die vorher erwähnte Ursache unserer Trennung war.

Vater Josef war so vernarrt in den Kleinen das ich aus eigener Erfahrung wusste was dabei heraus kommt.

Ich: Also kam es doch zu einer Trennung von den Wittenbergern.

Wilhelm: Ja leider, nach dem Gespräch über unsere Erziehung meines Sohnes, zogen sie sich von uns zurück. Und die Beziehung kühlte so nach und nach ab.

Ich: Hat die Lösung von den Wittenbergern wehgetan?

Wilhelm: Ja sehr besonders die Trennung von Mutter Emma, doch sie hielt zu ihrem Lebensgefährten.

Ich: Wie ist den diese Beziehung ausgegangen?

Wilhelm: Beide waren zuletzt in einem Pflegeheim und sind dort verstorben.

Ich werde sie aber immer in liebenswerter Erinnerung behalten, haben doch sie mir das

gegeben was kein Heim vermag.

Einen Eindruck wie das tatsächliche Leben ist. Der Alltag mit all seinen Freuden und Leiden.

Ich: Nun hattest du ja eine neue Familie die deiner leiblichen Mutter, wie bist du denn dort aufgenommen worden?

Wilhelm: Meine Geschwister wurden bei meinen Besuchen zum festen Bestandteil meiner Gefühle. Ich mochte sie und sie mochten mich. Mein Stiefvater war höflich und respektvoll zu mir. Ich merkte aber dass er Probleme damit hatte,auf einmal so einen großen Sohn zu haben. Ich mochte ihn  denn er gab mir nie das Gefühl ein Fremder zu sein.

Mutter besuchte mich öfters in meinem Lehrbetrieb, in der Zeit  führte sie mich auch ein in meine große Familie.

Hatte ich doch auf einmal  6 Onkels und Tanten mit ihren Kindern, Opa lebte ja auch noch.

Ich: Da wart ihr ja schließlich eine Glückliche Familie und deine Geschichte ist hiermit zu Ende?

Wilhelm: Ja eigentlich. Meine Mutter und mein Stiefvater bildeten neben meiner eigenen Familie bis zu ihren Tot einen Bezugspunkt meiner weiteren Entwicklung und es würde nun Schluss sein über die Betrachtung meiner Kindheit.

Wenn ja wenn da nicht noch zwei Fragen offen stünden.

Ich: Welsche Fragen?

Wilhelm: Erstens wer ist mein Vater und zweitens wie verbrachte ich die Zeit zwischen dem

2. und 5.Lebensjahr?

Fortsetzung  folgt!

Die vergessenen Jahre?

 

2005 ,Wilhelm ist mit seinen Recherchen über die Herkunft seiner Anwesenheit hier auf Erden an einem Punkt angekommen, in welchen er feststellen musste,

Es fehlen ein paar Jahre in seiner Biografie. Wo lebte er zwischen 1951 und 19 55?

Wo liegt die Antwort auf diese Frage?

Was musste geschehen um diese Wissenslücke zu schließen?

Im Jahre 2005 wurde nun die Frage Wilhelms Heimakte als Schlüssellösung angesehen und behandelt. Gab es überhaupt noch eine Akte, nach so vielen Jahren fragte sich Wilhelm.

Wo beginnen schließlich gab es die DDR Institutionen nicht mehr, wo er nachfragen könnte.

Von anderen Ehemaligen Heimkindern hat  Wilhelm erfahren, dass viele gar nicht wussten wo sich ihre Akten befinden, ob es überhaupt noch eine gab. Schließlich gibt es ja eine Aufbewahrungsfrist, andere wiederum berichteten davon dass sie keine Auskunft bekommen auf Grund des Geheimstatus der Akte.

Die Hoffnung an seine Akte ran zu kommen, hatte also eine sehr geringe Chance.

Mittels Internetrecherche ermittelt Wilhelm wo er nachfragen muss um zu erfahren ob und wo sich eine Akte befindet..

Mit einem Schreiben an das Jugendamt der  Kreisverwaltung des Einzugsbereiches seines früheren Vormundes startete er seinen ersten Versuch.

Das Glück war auf seiner Seite er bekam eine Antwort in welcher ihm bestätigt wurde das es eine Akte über sein Heimaufenthalt gab.( Anmerkung: Nach 50 Jahren noch.)

Es gibt eine Akte und  Wilhelm las erstaunt:

11.1..1949 Unterbringung im Hauptkinderheim Berlin

14.10.1949 bis 14.11.1949 Aufenthalt in der Charite Berlin

                                     Unterbringung im Kleinkinderheim Zeesen

12.09.1950                 Adoptivpflege bei Fam. Kautz

15.3.1952                    Adoptivpflege bei Frau D..

10.12.1952                  Unterbringung  bei Frau M.

 19.01.1953                 Unterbringung im Kinderheim in Prenden

 24.12.1955                 Unterbringung bei Familie B.

 September 1956     Unterbringung im Kinderheim Königsheide

Dies war eine dankbare Information welche aber nun das Bedürfnis erweckte in die Akte Einsicht zu nehmen.

Zwei weitere Kinderheime und zwei weitere „ Pflegeeltern“ füllten also die Jahre welche Wilhelm nicht bekannt waren.

Die Akte

 

Es begann mit einem Anschreiben an die zuständige Kreisverwaltung, Wilhelm ging davon aus dass das Ehemalige Jugendamt in die Kreisverwaltung übernommen worden ist. in welchem früher auch sein Vormund beschäftigt war. 

Es kam bald eine Positive Antwort, dessen Inhalt aussagte dass es nach all den Jahren noch eine Akte gab. Nun denn, Wilhelm mach dich auf den Weg und besuche deine Heimakte.

Freundlich wurde er von der Mitarbeiterin des Archivs empfangen und in eine Art Leseraum saß er nun die Akte vor sich. Eine innere Unruhe machte sich breit. Also erst mal grob durchblättern. Ach herrje das soll eine Akte sein. Waren es 25 oder nur 20 Blätter? für 14 Jahre Heim Aufenthalt? Drei Entwicklungsberichte und mehrere Berichte über den Gesundheitszustand in der Vorschulzeit. Nun hatte sich die Aufregung gelegt und Wilhelm nahm sich Blatt für Blatt vor. Aussagekräftige Sätze füllten sein Blatt Papier unter anderem mit  der Bemerkung kopieren, wenn möglich. Es gab einige Dinge die Licht in Wilhelms Kenntnisstand brachten. Dazu zählte die Aufklärung der vergessenen Jahre. Wilhelms schwierigste Lebenszeit war wohl zwischen dem Zweiten und 4 Lebensjahr. Neben Krankenhausaufenthalten musste er in zwei Heime und drei so genannte Pflegeeltern über sich ergehen lassen. Aber was ist das. Eine Anzeige an die Kreisleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ( SED) Berlin… 9.12.1952

Betr. Erziehungsmethoden der Berufsschullehrerin  Frau Frieda Ochsta

 (Name aus Datenschutzgründen geändert)

Frau Ochsta ist Mitbewohnerin der Hausgemeinschaft Berlin 0112  Simplonstraße X. Sie ist zurzeit  Lehrerin der Berufsschule Warschauerplatz.

Sie hat vor ca. 9 Monaten ein Kind angenommen. Das Kind ist jetzt drei Jahre alt geworden.

Wilhelm befindet sich während ihrer Arbeitszeit bei meiner Mutter in Obhut.

In seinem täglichen Benehmen ist zu merken, dass er vor seiner Pflegemutter Angst hat. Meine Mutter Frau Elfriede Janeck, kommt mit dem Kind sehr gut aus.

Tagsüber spielt er mit seinen Spielsachen und ist kaum zu bemerken. Ebenfalls hält er bei uns seinen Mittagsschlaf.

Sowie jedoch von seiner Pflegemutter die Rede ist, wird er unruhig und ängstlich.

Heute am 8.12. trug sich folgendes zu:

Im laufe des Tages musste der Junge öfters austreten. Heute hält ihn meine Mutter und konnte feststellen, dass sich quer über den Rücken und auf seiner Gesäßdicke, blutunterlaufene Striemen befanden.

Auf die Frage meiner Mutter, was er den dort gemacht hätte, druckste er zuerst etwas herum. Auf nochmaligem Fragen meiner Mutter gab er zur Antwort, das Er von „ Mutti“ 2 x verhauen worden wäre und das sie ihm den Kopf unter die Wasserleitung gesteckt hätte.

2.Beispiel:

Am 29.11. 1952, Sonnabend, ging Frau Ochsta mit dem Jungen einkaufen. Sie hatte etwas beim Schlächter zu kaufen und nahm den Jungen mit. Es war im Laden von Schlächter Henke.

Die Verkäuferin gab dem Jungen eine Scheibe Wurst. Wilhelm nahm die Scheibe an. Kaum hatte er die Scheibe angenommen, tobte Frau Ochsta los und drohte ihm mit Prügel. Daraufhin regten sich einige Kunden mit Recht auf und sagten ihr ihre Meinung.

Diese zwei Beispiele, glaube ich könnten genügen, um einen Einblick in die Erziehungsmethoden der Kollegin Ochsta zu bekommen. Meine Meinung als Hauptamtlicher Pionierleiter der Grundschule ist folgende:

Wir können es vor der Öffentlichkeit und vor unseren Kinder nicht verantworten, dass wir noch Lehrerinnen in unserer demokratischen Schule haben, die denken, mit sadistischen Erziehungsmethoden was zu erreichen.

Prügelstrafe ist laut Gesetz unserer demokratischen Regierung abgeschafft und verboten. Wenn wir in der Schule unsere Kinder zu fortschrittlichen Menschen erziehen wollen, so ist damit nicht gesagt, dass wir sie im Vorschulalter zu Prügelböcken benutzen wollen.

Kollegin Ochsta müsste das als Pädagogin eigentlich wissen.

Ich stelle hiermit den Antrag, diesen Fall zu überprüfen und  notwendige Schlussfolgerungen zu ziehen

Mit sozialistischen Gruss

 

 

                 Kurt Kind

 

 

Pionierleiter der Grundschule in Friedrichshain

N.S. Als Zeugen für die genannten Vorfälle können auftreten.

Zu 1) Frau Pohl

Zu 2) Frau Jarzembinski

 

Es folgte eine Überprüfung durch die zuständige Referatsleitung. Nach dreimaliger Verwarnung wurde Wilhelm aus dieser Pflegestelle genommen und in ein Heim eingewiesen.

 Eine Ärztliche Bescheinigung vom 27.10.1952 enthält folgende Aussage.
Befund: Flächenhafte blutunterlaufene Stellen an beiden Wangen unterhalb des Jochbogens. Ferner blutunterlaufene Stellen im Bereich des Gesäßes und des rechten Oberschenkels.

Der Befund läst darauf schließen, dass die blutunterlaufenen Stellen  eine Folge von Schlägen sind. Wegen der Lokalisierung scheidet die Möglichkeit eines zufälligen Stoßes ausschließt.

 

Letztes Kapitel

Mutter wer ist mein Vater?

Beim ersten Treffen mit seiner Mutter fragte Wilhelm sie nach dem Vater. Ihre  Antwort:

Ich wurde von einem Russen vergewaltigt. Diese Aussage traf ihn sehr, denn so wird er nie erfahren wer sein Vater ist. Als Bestätigung zeigte sie ihm auch noch bei einem Besuch, die Stelle an der diese Tat geschehen ist. Wilhelm war erschüttert und traurig zu gleich, war doch die Hoffnung auch seinen Vater kennen zu lernen dahin.

Ein Jahr später lud seine Mutter ihn ein  mitzukommen, zum Besuch bei einer Familie aus der Verwandtschaft. Es war für ihn ein schönes Erlebnis, denn er hatte mit Artur dem Mann der Schwester seiner Oma ein freundschaftliches Verhältnis.

Beim Abschied nahm er Wilhelm zur Seite und sprach.

Wilhelm ich muss dir etwas sagen, ich mag dich sehr und kann nicht schweigen. Was ich dir jetzt sage muss aber unter uns bleiben. Wilhelm sagte zu und so erfuhr er.

Deine Mutter wurde nicht von einem einen Russen vergewaltigt. Sie wurde von ihrem Stiefvater schwanger. Das wissen aber nur wenige aus der Familie.

Nun schluckte Wilhelm erst mal, lies sich aber in der Folgezeit nichts anmerken. Wem  sollte er Glauben schenken? Artur oder seiner Mutter.?

Jahre später, Wilhelm war schon selber Vater zweier Kinder, kam zwei drei Mal Mutter mit dem Opa zu Besuch.

Opa schon im hohen Alter war sehr Wortkarg und beobachtete meist schweigend das Treiben in Wilhelms Familie. Als dann Opa und etwas später auch seine Mutter verstorben waren, erhielt er die Bestätigung.

Eine Schwester seiner Mutter sah nun kein Grund mehr zu schweigen und bestätigte Wilhelm die Aussage von Artur.

Nun erfuhr er auch den Grund warum Mutter nicht in der Nähe entbunden hatte und Wilhelm gleich nach der Geburt zur Adoption frei gab.

Ihre Mutter, seine Oma sprach damals ein Machtwort. Der Balg kommt mir nicht ins Haus.

Damit war Wilhelms weiterer Lebensweg ohne Mutter besiegelt

Schlussbemerkung

.Zwei Fragen drängen sich Ihnen den Leser dieser Lebensgeschichte sicher auf.

Was für Gefühle hatte Wilhelm seiner Mutter gegenüber entwickelt, war es Wut, war es Abscheu oder gar eine Verurteilung?

Was hat es Wilhelm gebracht das er nun die Geschichte seiner Herkunft  erfahren hat?

Beim ersten Treffen mit seiner Mutter war er ihr gegenüber reserviert und doch Glücklich das er nun auch seine Mutter hatte. Als jahrelanges Heimkind wohl als zu verständlich.

Im laufe der Zeit kam sogar ein vertrauensvolles Verhältnis  zustande. Bedingt durch die freundliche Aufnahme durch seinen Schwiegervater und der Zuneigung zu seinen beiden Halbgeschwistern. Wut oder Abscheu  kam nicht auf denn Wilhelm war schon zu alt um nicht abzuwägen das nun mal geschehen ist was gewesen war. Verurteilen konnte er seine Mutter auch nicht, wusste er doch von Schicksalen seiner Heimkameraden, von vielen abstoßenden

Handlungen durch Mütter ihren Kindern gegenüber. Sie hat das einzig richtige getan was in ihrer Macht stand, wohlbedacht unter den Druck den sie als damals

noch Abhängige ausgesetzt war. Wilhelm zu Adoption frei zu geben in der Hoffnung das er liebevolle „Eltern“

bekommt.

Nun werte Leserinnen, mit der Aufbereitung seiner Kindheit hat Wilhelm seinen Seelischen Frieden gefunden, der ihn viele Jahre seines Lebens nicht vergönnt war,

trotz einer im großen und ganzen  behüteten Kindheit, welche ihm das leben im Kinderheim gegeben hat.

Wenn Sie mal einen Einblick eines " Heimes" in der Heutigen Zeit machen wollen, sehen Sie sich mal die Internetseite
 

http://www.wohnfamilie.de    an.

In der Zwischenzeit wurde meine Kindheitserinnerungen in einem Buch veröffentlicht.

Wenn Sie nachlesenen wollen und sich auch für andere Schiksale über Heiminsassen lesen wollen,hier die notwendigen Angaben.

Fremd-bestimmte Lebenswege?

Heim-Echo

Band ii

Heimkinder und Zeitzeugen erzählen

2016 erschienen im Beggerow Buchverlag

ISBN 978-3-936103-44-1

 

 

 

 

 


 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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